Die römische Außenpolitik unter Claudius am Beispiel Britanniens

Die Eroberung

Nachdem Julius Caesar zwei vergebliche Versuche zur Unterwerfung Britanniens durchgeführt hatte, unternahm Claudius im Jahre 43 n.Chr. einen weiteren Feldzug, indem er vier röm. Legionen unter dem Kommando des Konsulars Aulus Plautius in der Nähe von Rutupiae, dem heutigen Richborough in der Grafschaft Kent an verschiedenen Orten landen ließ, um die gegnerische Abwehr auf eine Stelle zu konzentrieren. Allein schon Motivation der Soldaten ist eine erstaunliche Leistung, da Caesars Mißerfolg in den Köpfen der meisten Soldaten aus Britannien eine uneinnehmbare Festung gemacht hatte. Im Gegensatz zu Caesar stieß diese Expeditionsstreitmacht auf praktisch keinen Widerstand, da die Britannier nicht auf einen feindlichen Angriff vorbereitet waren, und auch die Überfahrt bereitete keine größeren Schwierigkeiten. Die britannischen Stämme zogen sich in die riesigen Wald- und Sumpfgebiete zurück, um durch Verhinderung einer offenen Schlacht und Guerilla-Taktik die Römer mürbe zu machen. Nachdem aber Aulus Plautius schließlich die Feinde zum Kampf stellen konnte, schlug er zunächst Caratacus und dann Togodomnus - beide waren Söhne des Cunobelinus. Außerdem gelang es ihm, durch Überraschungsangriffe weitere Stämme zu unterwerfen. Aber auch die eigenen Verluste an der anfangs ca. 20000 Mann starken Armee waren bedenklich angestiegen und so sah sich der Feldherr gezwungen, von weiteren Vorstößen  abzusehen und die bis dahin besetzten Gebiete zu sichern.
Er bat aufgrund einer bestehenden Absprache mit Claudius diesen um sein Kommen mit entsprechender Verstärkung; Sueton führt hier als weiteren Grund für das Erscheinen von Claudius dessen starke Gier nach der Ehre eines Triumphzuges an. Die Tatsache, daß der kriegsunerfahrene Claudius schon kurz nach seiner Ankunft große Geländegewinne erreichen konnte und dies dem gewandten Aulus Plautius nicht gelang, scheint Suetons These zu stützen. Ferner muß man aber bedenken, daß die zusätzlichen Truppen auch mit Kriegselephanten ausgerüstet waren, die unter den Britanniern teilweise Panik ausbrechen ließ. Nach nur 16 Tagen verließ er Britannien wieder und erhielt vom römischen Senat für seinen Erfolg einen Triumphzug, Triumphbogen und den Ehrennamen "Britannicus".

Die Romanisierung

Die Romanisierung Britanniens kann als beispielhaft für den römischen Umgang mit eroberten Gebieten gelten. Zunächst gründete man eine Veteranenkolonie, und zwar im heutigen Colchester, um eine sichere Basis für den Aufbau einer Verwaltung und weiterer Feldzüge zu haben. Hier lag auch das Hauptquartier des kaiserlichen Stadthalters, dessen Aufgaben vor allem darin bestanden, die Verwaltung und das Militär zu überwachen und zu koordinieren. Des weiteren kam es ihm darauf an, die Bevölkerung mit der röm. Rechtsprechung, Religion, Währung, Sprache, Herrschaftsform sowie den übrigen Sitten und Gebräuchen vertraut zu machen. Typisch für die von Claudius angestrebte Aussöhnung zwischen den Schichten der römischen Gesellschaft ist auch die Tatsache, daß er dem Stadthalter noch einen sog. Procurator beigab, der für die Finanzverwaltung zuständig war und dem Ritterstand entstammte.

Die Verteidigung und Erweiterung

In der Folgezeit gelang es Aulus Plautius, die Britannier aus der fruchtbaren Ebene im Südosten Großbritanniens zu verdrängen, zudem wies das Gebiet ergiebige Bleivorkommen auf. Die Eroberung war also nicht nur aus militärischer, sondern auch aus wirtschaftlicher Sicht ein voller Erfolg.
Typisch für römische Besatzungspolitik ist auch, daß an den Provinzgrenzen Satellitenstaaten eingerichtet wurden. Mit sogenannten Klientelkönigen wurden Bündnisverträge abgeschlossen, die diesen Autonomie zugestanden und dafür als Pufferzone zwischen der Provinz und dem eigentlichen Feindesland herhalten mußten.
Durch einen weiteren Feldzug versuchte man 44 n. Chr. den "Rest der Insel" zu unterwerfen, da man nur sehr ungenaue Vorstellungen von der wahren Größe Britanniens hatte, was am Vergleich mit Sizilien deutlich wird. Insofern stellte die weitere Eroberung eine fast unlösbare Aufgabe für Aulus Plautius da, obwohl die Legionen günstig an der Grenze verteilt lagen.
Als er die Provinz 47 n. Chr. seinem Nachfolger Publius Ostorius Scapula übergab, mußte diese zwar als befriedet gelten, doch bestand jederzeit die Gefahr eines feindlichen Einfalls. So mußte Scapula noch zu Beginn des Winters einen feindlichen Angriff abwehren; nach dem Sieg sah er sich gezwungen, Grenzbefestigungen zu errichten und so eine klare Trennung zu Feinden und Bundesgenossen vorzunehmen.
Auch gegen diese Konsolidierung regte sich bald der Widerstand, zuerst erhoben sich die Icener, die eigentlich ein starkes Klientelkönigtum bildeten, gegen die Landnahme. Doch auch sie wurden schließlich mit einer erheblichen abschreckenden Wirkung für die übrigen Stämme vernichtend besiegt. Nach einem weiteren vergeblichen Aufstand der Briganten kam es schließlich in Südwales zum Kampf mit dem wohl gefährlichsten Gegner - den Siluren unter der Führung von Caratacus. Tacitus schildert die Rede Caratacus an die Verbündeten aber auch den Schlachtverlauf sehr genau und wählt höchste Attribute für Schwierigkeitsgrad und Leistung der Römer. Er schreibt als Resümee: "Glänzend war der Sieg!" Caratacus selbst geriet durch Verrat in römische Kriegsgefangenschaft. Im Gegensatz zur üblichen Praxis im damaligen Rom, gefangengenommene Heerführer nach dem Triumphzug hinrichten zu lassen, begnadigte Claudius diesen, nachdem er vor dem kaiserlichen Tribunal u.a. über die römische Eroberungspolitik in überzeugender Weise gesprochen hatte. Und das gegen den römischen Zeitgeist und alle bestehenden Traditionen...
Die Hartnäckigkeit der Britannier war aber auch damit nicht gebrochen: die Siluren sannen auf Rache und schlugen mehrfach Einheiten der Römer und ihrer Hilfstruppen, erst die herbeigeeilten Legionen konnten den Vormarsch stoppen. Der folgende Guerillakrieg ermattete Scapula so sehr, daß er 52 n. Chr. starb. Sein Nachfolger, Aulus Didius konnte zwar die Siluren vertreiben, doch die Ruhe endgültig wiederherzustellen gelang auch ihm nicht.
An die Stelle der Siluren waren nun bis dahin Rom gegenüber loyalen Briganten getreten, die nach einem Herrschaftswechsel die Fronten gewechselt hatten. Ihr Anführer Venutius heiratete Cartimandua, die ihrerzeit den Caratacus an Rom ausgeliefert hatte. Als die beiden nach ihrer Trennung begannen, sich zu bekriegen, griff Rom schließlich ein und entschied die Kämpfe zu Cartimanduas Gunsten. Dies war ein weiteres Novum in Roms Außenpolitik: man griff nun auch in die Kämpfe der Klientelkönigtümer aus Eigeninteresse ein und so wurden diese schließlich sogar der Provinz angegliedert, was für ein erhebliches weiteres Konfliktpotential sorgte.
Im Jahr 54 n. Chr. wurde Claudius von Agrippina, seiner vierten Frau vergiftet. Wie in seiner Innenpolitik (Einsetzung von Freigelassenenfür höchste Regierungsaufgaben) war Claudius auch in der Außenpolitik durchaus bereit, neue Wege z.B. durch Milde gegenüber Besiegten und gezielte Einflußnahme in Fremdkonflikte zu beschreiten. Die Eroberung Britanniens war ein sicherlich sehr hochgestecktes Ziel, das durch Unkenntnis über das Gebiet und den Widerstand der Bewohner besonders erschwert wurde

 

Claudius und die besiegte Britannia

Quelle:

Das römische Britannien - Spuren einer Geschichte, Kai Brodersen, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1998
 

Thomas Druga, im Dezember `98

17.04.1999