Rezeption der griechischen Philosophie in Rom

 

Die griechische Philosophie breitete sich in Rom erst mit dem Untergang der Republik aus, also ca. ab 31 vor Chr. Als nämlich jegliche Lebensstruktur sich auflöste und auch das religiöse Leben ins Wanken geriet, war die Zeit für Neuerungen endlich gekommen, nachdem es auch schon im vorherigen Jahrhundert - leider zum größten Teil vergebliche - Versuche gegeben hatte, die Philosophie in Rom auszubreiten.

Damals nämlich schon waren griechische Philosophen nach Rom gekommen, um ihre Auffassungen und Lehren dort zu verkünden. Insbesondere bei der älteren Generation fanden ihre philosophischen Darlegungen aber keinen Anklang, denn diesen galt Philosophie als "unnützer Wortkram" und sogar als sitten- und religionsgefährdend". Ersteres mag daran liegen, dass die Römer sich schon immer mehr am Praktisch-Nützlichen als an theoretischer Spekulation orientierten, letzteres ist so zu verstehen, dass man die - zusammen mit der Philosophie nach Rom gelangenden - "lockeren Sitten des Ostens" fürchtete. Es erschreckte vor allem die älteren Römer zu beobachten, dass die jungen Männer abends ein Symposion, eine philosophische Runde, besuchten, wo "getrunken und mit den Flötenspielerinnen alles mögliche getrieben" wurde. Da ihrer Meinung nach "Rom mit der Moral steht und fällt", sahen sie dessen Untergang nahen, wenn sie der Philosophie größeren Einlass gewährten.

Ein typisches Beispiel für diesen römische Volkscharakter, der aus den oben genannten Gründen die Philosophie aus Rom herauszuhalten versuchte, ist der alte Cato: Er lehnte die Philosophie generell ab und hielt darüber hinaus auch nicht viel von jeglicher griechischer Bildung und Wissenschaft. Sokrates nannte er einen mit Recht hingerichteten, alten Schwätzer und Aufrührer, der durch die Zerstörung der Sitten und die Verleitung der Bürger zu Gesetzwidrigkeiten, seine Vaterstadt tyrannisieren wollte. Sokrates‘ Sohn kritisierte er mit bissiger Ironie, indem er sagte, Isokrates‘ Schüler seien bei diesem so steinalt geworden, als sollten sie erst im Hades vor Minos von ihrer Kunst Gebrauch machen und Prozesse führen. Als Cato miterleben musste, wie fasziniert die jungen Römer von den Philosophen und deren Redekunst waren, setzte er alles daran, diese möglichst schnell wieder aus Rom auszuweisen.

(Auszug aus dem Cato-Artikel in: "Der Kleine Pauly")

Wie auch der oben abgedruckte Artikel zeigt, verkörperte Cato also einen Römer, der von jeglichem Hellenismus nichts hielt. Da er im Rom des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts sehr bekannt und angesehen war, übte er mit der Verbreitung seiner Meinung einen immensen Einfluss auf die Römer aus, die zum größten Teil ohnehin nicht viel von griechischem Wissen hielten.

Eine Begebenheit zeigt besonders gut, wie die Griechen mit ihrem philosophischen Tun in Rom Verwirrung stifteten und die Römer gegen sich und die mitgebrachten Lehren aufbrachten:

Im Jahr 155 vor Christus kam von Athen eine Philosophengesandschaft nach Rom, darunter der Skeptiker Carneades und der Stoiker Diogenes. Sie wollten von den Römern eine Strafbefreiung für das athenische Volk erbitten und nutzten ihren Aufenthalt in Rom dazu, durch Reden vor dem Volk die Philosophie auch dort populär zu machen und ihre Lehren weiter auszubreiten. Nachdem Carneades eine Rede zum Thema: "Worauf gründet sich ein Staat?" hielt und dieses Problem damit beantwortete, dass der Grundpfeiler GERECHTIGKEIT sei, was man ja am großen Rom sehe; wo, wenn nicht hier, sei denn der Hort der Gerechtigkeit anzusiedeln? Diese Rede erfüllte natürlich alte wie junge Römer mit ungeheurem Stolz und sorgte für eine durchaus positive Einstellung gegenüber der Philosophie. Als Carneades dann am folgenden Tag aber das Problem der Grundfeste eines Staates erneut aufgriff und nun behauptete, UNGERECHTIGKEIT begründe einen Staat, da alles, was diesem gehöre, wohl einem anderen genommen worden sein müsse und hinzufügte, an Rom und seiner Größe könne man sehen, dass dieser Staat schon vielen Menschen Unrecht zugefügt habe, war die Empörung und das Unverständnis unter den Römern groß. Den Erklärungsversuchen des Carneades, er habe mit diesen so unterschiedlichen Reden nur seine skeptische Lebensauffassung, nach der man über jedes Ding zwei gegensätzliche Ausssagen machen könne, verdeutlichen wollen, schenkte man keinen Glauben und Cato, der sich durch dieses Ereignis in seiner Meinung über die Griechen bestätigt fand, sorgte dafür, dass Carneades und seine Philosophenkollegen schleunigst die Stadt verließen - natürlich ohne eine Strafbefreiung bewirkt zu haben.

Um seinen eigenen Sohn vor diesem "Philosophenwahn" zu bewahren, behauptete Cato, die Römer würden ihre Macht verlieren, wenn sie sich von griechischer Wissenschaft anstecken ließen. Doch es zeigte sich eine vollkommen andere Entwicklung: Gerade im Prozess der vollständigen Aufnahme griechischer Wissenschaft und Bildung, der, wie einleitend erwähnt, mit dem Ende der Republik begann, besaß die Stadt Rom ihre höchste Machtstellung.

 

Als der Verfall des Glaubens und der Sitten der Väter einsetzte, war die Zeit für einen Ausbreitungsfeldzug der griechischen Philosophie in Rom gekommen. Man konnte sich dessen nicht mehr mit Gewaltmaßregeln wehren. Außerdem war man mittlerweile zu der Erkenntnis gelangt, dass die hellenistische Philosophie offerierte, was sich der gebildete Römer von ihr erwünschte: Belehrung über die sittliche Aufgabe des Menschen, über den besten Weg zur Erlangung der Glückseligkeit und rhetorische Vorbildung zur öffentlichen Laufbahn.

 So kamen allmählich griechische Philosophen nach Rom, wie z.B. Panätius von Rhodos, der längere Zeit blieb und den einflussreichen Kreis um die Scipionen (er war mit Scipio Africanus befreundet) für die Philosophie gewann. Er, ein Vertreter der mittleren Stoa, erfasste die Philosophie allein von der praktischen Seite, was in Bezug zum schon erwähnten römischen Volkscharakter sicherlich von Vorteil für die erfolgreiche Ausbreitung war (siehe dazu auch Tabelle unten). Panätius hielt die klassischen Philosophen Demokrit, Plato und Aristoteles hoch und wusste sowohl durch die Abmilderung stoischer Härten als auch durch die gewandte und geschmackvolle Darstellung seiner Auffassung viele Anhänger für sich und "seine" Philosophie zu begeistern.

(Auszug aus dem Panätius-Artikel in: "Der Kleine Pauly")

So ergab sich die folgenreiche Verbindung der naturrechtlichen Theorie der Stoa mit der positiven Rechtswissenschaft der Römer. Weiterhin entstand durch die Verschmelzung von stoischer Philosophie mit römischer Religion eine Art philosophische Staatsreligion der Gebildeten. Den Inhalt der Schriften des Panätius können wir -wie schon im obigen Artikel erwähnt- aus Ciceros drei Büchern De officiis entnehmen, die auf Panätius‘ Schrift Über das Geziemende (peri tou kathekontos) basieren.

 

Ein Schüler des Panätius, Poseidonius, der als der gelehrteste und wissenschaftlichste unter den Stoikern galt, hielt sich auch eine Zeit lang in Rom auf : Er verschmolz platonische, aristotelische und andere frühere Lehren noch stärker mit der stoischen als sein Lehrer es tat. Er eröffnete eine Schule auf Rhodos, die nach kurzer Zeit so berühmt wurde, dass sich viele Römer zur Vervollkommnung ihrer Studien dorthin reiste.

 

(Poseidonius) 

Es kamen also nicht mehr nur griechische Philosophen nach Rom, vielmehr begab sich die vornehme römische Jugend auf -wie wir es heute nennen würden- Studienreise zu den wichtigsten Stätten griechischer Weisheit: Für kurze oder auch längere Zeit hielten sie sich in Athen, Rhodos oder Alexandrien auf, um die Vorträge berühmter Rhetoren und Philosophen zu hören. Eine solche Fahrt wurde bald als für die höhere Bildung erforderlich betrachtet.

Die von Panätius nach Rom gebrachte mittlere Stoa setzt sich insofern von der antiken Stoa ab, dass sie deren recht dogmatischen, viele Verbote enthaltenden Charakter zu Empfehlungen mit praktischem Ziel umgeändert hat und somit für die Römer akzeptabel wurde. Aus der mittleren Stoa entwickelte sich -allein unter italienischem Einfluss- die jüngere Stoa, deren wichtigste Vertreter Seneca, Epiktet und Marc Aurel waren.

Um die Veränderungen, die die Stoa durchlief, einmal anschaulich deutlich zu machen, hier eine Tabelle:
Stoische Richtung

Inhalt der Lehre

Wichtige Vertreter

Alte Stoa
  • Pflichterfüllung als oberstes Gebot
  • Natur = Prinzip aller Dinge; natur-gemäßes Leben ist tugendhaft und somit vernünftig
  • Tugendhaftes Leben basiert auf: Unerschütterlichkeit (Ataraxie) Selbstgenügsamkeit (Autarkie) Affektlosigkeit (Apathie)
  • Kein Unterschied zwischen Lust und Schmerz
  • Zeus, Natur und Schicksal sind gleichbedeutend
Zenon

Kleanthes

Chrysippos

Mittlere Stoa

  • Es gibt einen Unterschied zwischen Lust und Schmerz; Schmerz darf jedoch nicht als Übel angesehen werden
  • Tugend allein sichert noch nicht eine gute Existenz, zusätzlich ist etwas Geld und auch Gesundheit nötig
  • Aufwertung Gottes: Zeus steht an oberster Stelle vor der Natur und dem Schicksal

Panätius

Poseidonius

Jüngere Stoa

  • Wir sind nicht völlig abhängig von Natur und Schicksal, bestimmte Dinge stehen in unserer Macht: Meinung/Handeln/Wunsch/Abnei-gung
  • Lediglich mit folgenden Dingen, die nicht in unserer Macht stehen, müssen wir uns nicht abplagen: Körper/Reichtümer/öffentl. Ämter

Seneca

Epiktet

Marc Aurel

 

Aber obwohl die griechische Philosophie nun in Rom so großes Interesse erzeugte und damit immens an Bedeutung gewann, ist die Mehrzahl der erwähnenswerten Philosophen nicht römischer Abstammung. Weiterhin haben die römischen Philosophen auf diesem Gebiet keine Neuerungen hervorgebracht, sondern nur griechische Leistungen wiederholt oder umgeschrieben.

So konnte sich also die hellenistische Philosophie, die in Rom zunächst ziemlich kategorisch abgelehnt wurde, schließlich dennoch erfolgreich ausbreiten und Rom zu einer zuvor nie erreichten Machtstellung verhelfen; sie entfaltete sich dort aber trotzdem nicht zu der Blüte wie in Griechenland.

 

Quellenangaben:

  1. Wolfgang Röd, Kleine Geschichte der antiken Philosophie, München 1998
  2. Geschichte mit Pfiff 10/1990
  3. Luciano De Crescenzo, Geschichte der griechischen Philosophie, Zürich, 1990
  4. Michael Grant, Die Geschichte Roms, Bergisch Gladbach, 1994
  5. German Hafner, Bildlexikon antiker Personen, Zürich, 1993
  6. CD-Rom: Geschichte der Philosophie

 Diana Glee

(20.12.1999)